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Somatic Experiencing in München-Schwabing und Berlin-Kreuzberg 

Eine typische Somatic Experiencing Session

Seit dem Autounfall

Der Autounfall fand vor zwei Jahren an einem regnerischen Tag statt. Marianne – unsere imaginäre Klientin – stand mit ihrem Wagen an einer Kreuzung, als ein Lieferwagen von hinten auf ihr Auto auffuhr. In ihrem Rückspiegel erkannte sie den schnell auf sie zu fahrenden Lieferwagen nur wenige Sekunden vor dem Aufprall. Im Krankenhaus wurden später ein Schleudertrauma und schwere Prellungen diagnostiziert.

Das Schleudertrauma ließ sie ein halbes Jahr lang bei einem Chiropraktiker behandeln. Die ständigen Kopfschmerzen sowie die Verspannungen im Nacken wurden jedoch nicht besser. Seit dem Auffahrunfall hat Marianne Schlafprobleme. Panikattacken wecken sie mitten in der Nacht, tagsüber hat sie wiederholt Flashbacks von splitterndem Glas und spürt erneut den Aufprall im Körper. Sie ist oft abgelenkt, verlegt Dinge, die sie dann ewig sucht, und stößt sich ungeschickt an Möbelstücken. Wenn sie Auto fährt, schaut sie dauernd in den Rückspiegel und kämpft mit Panikgefühlen, wenn sie an einer Ampelkreuzung anhalten muss. Autofahren vermeidet sie, so gut es geht.

Wann tritt Sicherheit ein?

Als Marianne die Praxis für ihr erstes Somatic Experiencing besucht, wirkt sie übermüdet, blass und etwas nervös. Sie beginnt sofort, von dem Unfall zu erzählen. Bereits beim ersten Satz wird sie hellwach und gestikuliert mit den Armen. Freundlich unterbreche ich sie und sage: „All das, was Ihnen damals passiert ist, möchte ich mir zu einem späteren Zeitpunkt mal anhören – aber jetzt habe ich eine andere Frage an Sie: Wann haben Sie sich zum ersten Mal wieder sicher gefühlt nach dem Unfall?“ Marianne ist überrascht von der Fokusverlagerung. Sie berichtet dann von ihrem Ehemann, wie er in die Notaufnahme kam. Ich frage Marianne, was sie bei dem Gedanken an diese Situation jetzt gerade wahrnimmt, und sie berichtet von einem Gefühl der Wärme in ihren Beinen und wie sich ihr Nacken und dann der ganze Körper entspannt. Ich beobachte, wie sich ihre zuvor flache Atmung entspannt und ihre Atemzüge tiefer und regelmäßiger werden. Sie berichtet weiter über einzelne Empfindungen und wie sie sich in ihrem Körper immer wohler und sicherer fühlt. Ein Zustand, den sie seit dem Unfall vermisst hat.

Wenn das autonome Nervensystem überfordert ist

Ich erkläre Marianne, dass ihr autonomes Nervensystem durch den Aufprall und die lauten Geräusche überfordert wurde. Das ist so, als ob man durch ein Stromnetz, das für 220 Volt ausgelegt ist, nun Starkstrom schickt. Das Nervensystem weiß nicht, wohin mit der vielen Energie. Das führt dann zu dem Gefühl, ständig unter Strom zu stehen, zu den Alarm- und Panikzuständen, die sie wiederholt erlebt, und zu der anschließenden tiefen Erschöpfung, in die sie fällt. – Sie nickt verstehend. Im Somatic Experiencing gehen wir davon aus, dass das Trauma nicht im Ereignis selbst steckt, sondern sich im Nervensystem abspielt. Deshalb ist es wichtig, dem autonomen Nervensystem die Möglichkeit zu geben, sich zu beruhigen und neu zu sortieren.

Als Nächstes frage ich Marianne, was ihr geholfen hat, die schwierige Zeit nach dem Unfall zu überstehen. Marianne berichtet von verschiedenen Familienmitgliedern, von Freunden und hilfreichen Aktivitäten wie ruhige Musik hören oder Fahrrad fahren. Wieder lenke ich ihre Aufmerksamkeit auf das, was sie gerade empfindet, während sie von ihren hilfreichen Freunden und den angenehmen Erlebnissen erzählt.

Was hilft ruhiger zu werden?

Ich erkläre ihr, dass wir im Somatic Experiencing zunächst einmal einen Platz von Sicherheit und Ruhe schaffen, den sie jederzeit wieder aufsuchen kann, wenn es ihr „zu viel“ wird. Dadurch, dass sie beim Gedanken an all die Situationen, die ihr geholfen haben, jetzt ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit wahrnimmt und auskostet, geben wir ihrem Nervensystem die Chance, sich neu zu regulieren. – Marianne schweigt einen langen Moment. Ich beobachte, wie sich ihre Gesichtszüge entspannen und ihr Blick klarer wird.

Nun schlage ich ihr ein kleines Experiment vor. „Wie wäre es, wenn wir zu dem allerersten Moment gehen, als Sie bemerkten, dass da etwas schief geht, und Sie diesen Moment einfrieren wie ein Foto?“ Sie berichtet von dem Bild des Lieferwagens in ihrem Rückspiegel und wie sie gleichzeitig eine Gänsehaut bekommt und nervös wird. „Wie wäre es, wenn Sie sich den Lieferwagen in einiger Entfernung vorstellen? In einer Entfernung, wo Sie sich von ihm weniger bedroht fühlen, aber ihn dennoch sehen können?“ Marianne platziert den Lieferwagen in ihrer Vorstellung mehrere hundert Meter weiter nach hinten, sodass er ganz klein im Rückspiegel erkennbar ist. Auch berichtet sie, wie sich ihre Nervosität langsam wieder legt und sie ruhiger wird. Wir geben diesem „Ruhigerwerden“ viel Raum und Zeit.

Forschritt durch ganz kleine Schritte

Anschließend erläutere ich: „So ein Unfall ist wie ein Film, der aus einzelnen Bildern auf einer Filmrolle besteht. Dem Nervensystem ist es egal, ob die Bilder auf der Filmrolle mit der Wirklichkeit von damals übereinstimmen oder nicht. Wesentlich ist, dass Sie ein Bild gefunden haben, das Ihnen hilft, an den Lieferwagen zu denken, ohne gleich nervös oder panisch zu werden. Wir gehen nun in kleinen Schritten vor. Bild für Bild können wir die Filmrolle vor- und zurückdrehen, so wie Sie es sich wünschen.“ Marianne lehnt sich in ihrem Stuhl zurück.

Wir wenden uns dem eingefrorenen Bild vom weit entfernten Lieferwagen wieder zu. Auf die Frage, was ihr Körper bei diesem Anblick nun am liebsten tun würde, ist ihre spontane Antwort. „Gas geben!“ Wir probieren das nun aus. Dabei spürt sie einen warmen Fluss Energie durch ihr Bein strömen. Nachdem wir dem Raum gegeben haben und sie die Erleichterung in ihrem Körper willkommen geheißen hat, kehren wir nochmals zu der Situation zurück. Wieder frage ich nach ihrem Bedürfnis bei der erneuten Betrachtung des Bildes. Diesmal berichtet sie von einer tiefen Wut und dass sie den Fahrer beschimpfen möchte. Auch diese Situation schauen wir uns zusammen an und verfolgen, wie ihr Körper reagiert.

Marianne kann nach mehreren Somatic Experiencing Sessions im Verlauf von sechs Monaten einen Großteil ihrer Ängste meistern. Auch die Mehrzahl ihrer Symptome löst sich schrittweise auf.

Dieser Text entstand in Anlehnung an den nachfolgend genannten Artikel von Diane Poole Heller und Larry Heller. Wenn Sie Interesse am theoretischen Hintergrund von Somatic Experiencing haben und mehr über die Funktion des autonomen Nervensystems am Beispiel von Marianne erfahren möchten, so lesen Sie weiter in Somatic Experiencing® in the Treatment of Automobile Accident Trauma, by Diane Poole Heller, Ph.D. and Larry Heller, Ph.D. Abstract 

„Die Dynamik des Traumas besteht zu einem Teil darin, dass es uns von der inneren Erfahrung abtrennt, um unseren Organismus vor Empfindungen und Emotionen zu schützen, die wir vielleicht nicht verkraften könnten. Es kann einige Zeit dauern, bis wir genügend Vertrauen entwickeln, um kleine innere Erfahrungen zulassen zu können. Seien Sie geduldig und vergegenwärtigen Sie sich immer wieder, dass Sie nicht alles auf der Stelle zu erfahren brauchen. Diese Heldenreise besteht aus vielen kleinen Schritten, die Sie einen nach dem anderen gehen.“
Peter A. Levine, Trauma-Heilung: Das Erwachen des Tigers



Ein lesenswertes Buch zum Thema ist:

Diane Poole Heller/Laurence S. Heller, Crash-Kurs zur Selbsthilfe nach Verkehrsunfällen: Vermeidung und Auflösung von Traumatischen Erlebnissen (englische Ausgabe, Crash Course – A Self Healing Guide to Auto Accident, Trauma & Recovery), 288 S., 29,98 €, Synthesis, ISBN 978-3922026389 

In diesem Buch wird Ihnen gezeigt, wie Sie sich nach einem Autounfall selbst helfen können, damit keine Traumasymptome zurückbleiben. Es ist ein „Do-it-yourself-Guide“ bei Schock-Trauma.